Kleinsteinach (Unterfranken/Bayern)

Datei:Riedbach in HAS.svg Kleinsteinach ist heute ein Teil der aus insgesamt fünf Dörfern bestehenden politischen Gemeinde Riedbach im Landkreis Haßberge - nordöstlich von Schweinfurt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Kleinsteinach – colorierte Zeichnung (Abb. Titelbild der Web-Seite, aus: „Jüdische Lebenswelten – Museum Kleinsteinach“)

Die jüdische Gemeinde hatte sich im Gefolge von Vertreibungen aus den Reichsstädten und Fürstentümern vermutlich gegen Mitte des 15. Jahrhunderts gebildet - ein Indiz dafür mag der 1453 weit außerhalb des Dorfes angelegte Friedhof sein. Die Juden in Kleinsteinach standen unter dem Schutz dreier Herren, die gegen die Entrichtung von Abgaben (Schutzgelder) hier sich niederlassen konnten. Die Existenz einer Kultusgemeinde in Kleinsteinach kann zweifelsfrei aber erst seit 1699 nachgewiesen werden, als von dort ein Verzeichnis der jüdischen Einwohnerschaft des Dorfes an die Kgl. Regierung Bayern übermittelt wurde. Damals war Kleinsteinach auch Sitz eines Bezirksrabbinats. Einige berühmte Thora-Gelehrte sollen sich in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts in Kleinsteinach aufgehalten haben.

Auf Initiative des Rabbiners Jechiel Heitzfeld wurde im Jahre 1736 eine Synagoge errichtet, deren Bau zumeist aus Spenden zweier vermögenderer Juden finanziert wurde. Im Jahre 1903 wurde das Gebäude umfassend renoviert.

Synagoge in Kleinsteinach, hist. Aufn. (aus: riedbach.de)

                                                      Titelblatt des "Memorbuches" aus Kleinsteinach

Eine Mikwe und eine eigene Schule vervollständigten die gemeindlichen Einrichtungen. Im 18.Jahrhundert war Kleinsteinach religiöser Mittelpunkt der Juden in der Region.

Die religiösen Aufgaben der Gemeinde besorgte ein angestellter Lehrer.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20105/Kleinsteinach%20Israelit%2010071872.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20105/Kleinsteinach%20Israelit%2003121879.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20139/Kleinsteinach%20Israelit%2003071924.jpg

aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 10.7.1872, vom 3.12.1879 und vom 3.7.1924

Unter den in Kleinsteinach tätigen Lehrers ragte Nathan Sichel heraus, der hier ca. 35 Jahre das Gemeindelrebenj prägte; im "Nebenerwerb" betrieb er eine Schülerpension (vgl. Anzeige).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20220/Kleinsteinach%20Israelit%2002041903.jpgPrivatannonce des Lehrers Nathan Sichel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2.4.1903

Das Friedhofsareal von Kleinsteinach - vermutlich gegen Mitte des 15. oder zu Beginn des 16. Jahrhunderts angelegt - wurde auch von den jüdischen Gemeinden der Region genutzt, so von Aidhausen, Haßfurt, Hofheim, Lendershausen, Westheim, Wonfurt und Zeil. Der älteste Grabstein datiert von 1596. Das Taharahaus stammt vermutlich aus dem 18.Jahrhundert.

  

Jüdischer Friedhof in Kleinsteinach: Grabsteine aus verschiedenen Jahrhunderten (Aufn. J. Hahn, 2007)

Seit dem 19.Jahrhundert unterstand die Gemeinde dem Bezirksrabbinat Burgpreppach.

Juden in Kleinsteinach:

        --- 1699 .........................  43 Juden,

    --- 1740 .........................   3 jüdische Familien,

    --- um 1815 .................. ca. 160 Juden (41 Familien, ca. 40% d. Dorfbev.),

    --- um 1825 ...................... 147   “  ,

    --- 1849 ......................... 149   “  ,

    --- 1871 ......................... 128   “   (ca. 28% d. Bevölk.),

    --- 1885 ......................... 135   “  ,*   *andere Angabe: 110 Pers.

    --- 1900 ......................... 129   “   (ca. 26% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................  75   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  45   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  33   “  ,

    --- 1937 (März) ..................  25   “  ,

    --- 1939 .........................  13   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ..................   2   “  ,

    --- 1942 (Mai) ...................   keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 340

und            Cordula Kappner, Aus der jüdischen Geschichte des heutigen Landkreises Haßberge

Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) wurden in Kleinsteinach neben der in der Mehrzahl genannten Schutzjuden auch 12 mittelbare Schutzjuden der Freiherren von Altenstein genannt. Vor allem Waren- und Kleinhandel wurde von den hiesigen jüdischen Familien bestritten. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren jüdische Familien Betreiber von für das wirtschaftliche Leben im Ort wichtigen Läden, daneben gab es auch zwei Viehhandlungen, eine Pferdehandlung und eine Matzenbäckerei. Christliche und jüdische Bevölkerung sollen bis Anfang der 1930er Jahre im Dorf problemlos zusammengelebt haben; allerdings hatten die meisten jüdischen Bewohner in den Jahrzehnten zuvor das Dorf verlassen, da sie anderswo bessere wirtschaftliche Perspektiven sahen. 1925 war für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden Kleinsteinachs ein Ehrenmal errichtet worden. Dazu hatte es in einer Meldung im „Haßfurter Tageblatt“ vom 21.8.1925 geheißen:

Kleinsteinach. Einen würdigen Verlauf nahm die Enthüllung des auf dem israelitischen Friedhofs errichteten Denkmals für die im Weltkrieg 1914/18 gefallenen jüdischen Soldaten des Begräbnisbezirkes Kleinsteinach. Die Gemeinden betrachten es als ihre Ehrenpflicht, ihren für das deutsche Vaterland gefallenen 17 Söhnen einen Gedenkstein zu errichten. ...

In die Annalen der Kleinsteinacher Judengemeinde ging 1932 der Besuch des Würzburger Bischofs in der hiesigen Synagoge ein. In einem Bericht der „Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung” vom 15.Mai 1932 hieß es dazu:

Kleinsteinach i. Unterfr. Eine hohe Ehre wurde der Kultusgemeinde Kleinsteinach in Unterfranken am zweiten Tage des Pessachfestes zuteil. Anläßlich der Kirchenvisitation durch S. Em. Bischof Dr. v. Ehrenfried aus Würzburg erhielten die dortigen jüdischen Mitbürger seitens der Gemeinde und Kirchenverwaltung ebenfalls Einladung zum offiziellen Empfang des hohen Kirchenfürsten. Nach einer Ansprache in der Kirche, in welcher S. Em. insbesondere auf das schöne harmonische Verhältnis unter den Konfessionen in Kleinsteinach hinwies, berief er den Gemeinde- und Kirchenrat in den Gemeindesitzungssaal. ... er den Wunsch äußerte, auch die Synagoge besichtigen zu wollen. Er fand sich dann dort in Begleitung von fünf anderen Geistlichen zu einem etwa halbstündigen Aufenthalt ein und ließ sich alle Einrichtungen eingehend erklären. Zum Schluß sprach der Herr Bischof der Israelitischen Kultusgemeinde seinen Dank aus, mit dem Bedauern wegen Zeitmangel nicht auch den historisch berühmten israelitischen Bezirksfriedhof besichtigen zu können. ...

Die meisten jüdischen Dorfbewohner lebten 1920/1930 vom Viehhandel, einige betrieben auch eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb. So litten die Juden Kleinsteinachs auch kaum unter dem NS-Boykott 1933, der im Dorf nur zögerlich angenommen wurde. Eine erste antisemitisch motivierte Gewalttat wurde im Frühjahr 1934 begangen - eine auswärtige Schulklasse hatte unter Leitung ihres Lehrers einige Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof geschändet.

Während des Pogroms im November 1938 drangen SA-Angehörige aus Haßfurt, Römershofen und Westheim in die von Juden bewohnten Häuser ein und demolierten die Einrichtungen; anschließend zog der SA-Trupp zur Synagoge: Unter den Augen zahlreicher Dorfbewohner zerschlugen die Männer Fenster und Inneneinrichtung der Synagoge, schleppten Thorarollen und andere Ritualien heraus und verbrannten diese vor dem Gebäude. Eine Gedenktafel für die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges wurde ebenfalls zerschlagen. Einige jüdische Männer waren vorher gewarnt worden und hatten sich außerhalb des Dorfes versteckt; Bauern, die Juden in ihren Scheunen verborgen hatten, wurden angegriffen; auch versuchte man die Speicher anzuzünden. Das unzerstört gebliebene Synagogengebäude ging wenige Monate später in Kommunalbesitz über.

Ende April 1942 lebten keine jüdischen Bewohner mehr im Dorf; die letzten vier brachte man im April 1942 nach Würzburg; von hier aus wurden sie wenige Tage später nach Izbica/bei Lublin deportiert. Nachweislich wurden elf gebürtige Kleinsteinacher Juden Opfer des Holocaust.

Vor dem Landgericht Bamberg fand drei Jahre nach Kriegsende ein Prozess gegen 28 Teilnehmer am Novemberpogrom in Kleinsteinach statt; neun Angeklagte wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt, alle anderen freigesprochen.

In den 1950er Jahren wurde das beschädigte Synagogengebäude durch Blitzschlag vernichtet, die Ruine anschließend abgerissen; heute stehen nur noch die Grundmauern. Neben dem ehemaligen Synagogengrundstück weist eine Gedenktafel auf die frühere jüdische Gemeinde hin:

In Kleinsteinach bestand eine Jüdische Kultusgemeinde,

deren Synagoge am 10.November 1938 durch die damaligen Machthaber verwüstet wurde.

ZUR ERINNERUNG UND MAHNUNG.

Das Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule ist noch erhalten und im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde.

   

Jüdischer Friedhof in Kleinsteinach und Taharahaus (beide Aufn. S., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem ca. 12.000 m² großen Begräbnisgelände - dem zweitgrößten Unterfrankens - befinden sich heute noch mehr als 1.000 Grabstätten mit teilweise sehr kunstvollen Grabsteinen; auch das Tahara-Haus hat die Zeiten unbeschadet überstanden. Mit einer Dokumentation des Friedhofs wurde 2013 begonnen.

 Taharastein zur Waschung der Toten (Aufn. E. Böhrer, 2010)

Am Ende der heutigen Matzengasse begann der sog. „Mazzenweg“ über die Flur, der über Lendershausen bis nach Burgpreppach führte; auf diesem Weg wurde ungesäuertes Brot der Mazzenbäckerei Neuberger in sog. Huckelkörben nach Kleinsteinach gebracht, da die hiesige Bäckerei Neuberger den Bedarf der jüdischen Gemeinde nicht decken konnte.

Ein Dokumentationszentrum zur jüdischen Vergangenheit Kleinsteinachs hat sein Domizil seit 2015 in den Räumen der alten Schule bzw. des denkmalgeschützten Lehrerwohnhauses (erbaut 1715) am Kirchplatz - direkt neben der katholischen Kirche - gefunden. Auf zwei Etagen ist eine Dauerausstellung untergebracht, die die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde zeigt.

Ehem. altes Lehrerhaus (Aufn. Rebekka Denz, 2011)

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 340/341

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. und 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 222

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 86/87

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof Kleinsteinach, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 9.Jg. /1994, No. 64, S. 23

Cordula Kappner, Aus der jüdischen Geschichte des heutigen Landkreises Haßberge, Hrg. Landratsamt Haßberge, Haßfurt 1998

Cordula Kappner, Die jüdischen Friedhöfe im Landkreis Haßberge, Hrg. Bibliotheks- u. Informationszentrum Haßfurt, 2001

Bernd Brünner, Die Juden in Kleinsteinach - Historischer Rückblick über das Leben der jüdischen Bürger in Kleinsteinach, über die einstige Synagoge und über den noch bestehenden Judenfriedhof, Manuskript, o.J.

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 98/99

Dirk Rosenstock, Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 142 - 145

Michael Mösslein (Red.), Balken wie aus dem Schiffsbau, in: „Mainpost“ vom 13.9.2011 (betr. Jüdisches Dokumentationszentrum im ehem. Lehrerhaus)

Die jüdischen Friedhöfe im Landkreis Haßberge (Neubearbeitung), hrg. vom Landkreis Haßberge, 2014

Jüdische Lebenswege – Museum Kleinsteinach, online abrufbar unter: museum-kleinsteinach.de

Kleinsteinach, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Gemeinde Riedbach, Die ehemalige Synagoge (hist. Außen- u. Innenaufnahmen, Grundriss-Skize), online abrufbar unter: riedbach.de

Ulrich Kind (Red.), Kleinsteinach. Riedbach gedenkt seiner jüdischen Gemeinde, in: „Main-Post“ vom 15.7.2017

Thomas Senne (Red.), Ein Dorf als jüdisches Museum, in: „Deutschlandfunk. Kultur“ vom 13.1.2018